6 Dinge, die ich bisher über das Leben in Kanada gelernt habe

Wir sind seit heute genau 4 Wochen in Kanada. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und andererseits scheint Hamburg schon sooo weit weg zu sein. Auf jeden Fall sind uns schon einige Dinge aufgefallen, die hier so ganz anders sind als in Deutschland. Dies sind die ersten sechs:
  1. Online Geld überweisen ist hier noch so neu, dass dafür Werbung geschaltet wird
  2. Andererseits: Man benutzt hier kaum Bargeld
  3. Nahrungsmittel sind sehr viel teurer als in Deutschland
  4. Bei -15° Celsius eine halbe Stunde vor dem Restaurant auf einen Tisch warten ist nicht ungewöhnlich
  5. Die Menschen sind extrem höflich
  6. Die meisten Leute sind doch zweisprachig

Bank of Toronto

1. Direktüberweisungen sind hier noch so neu, dass dafür Werbung geschaltet wird

Wie lange habe ich schon keinen Überweisungsschein mehr zur Bank gebracht? Ich schätze 11 oder 12 Jahre. Ich bin also seit 11 oder 12 Jahren nur noch zur Bank gegangen um a) Geld abzuheben oder b) ein altes Konto oder Sparbuch zu kündigen. Was ich noch nie gemacht habe: Einen Scheck einlösen.

In Kanada scheint es noch relativ normal zu sein Papierschecks bei seiner Bank einzulösen. Man erhält also sein Gehalt als sogenannte Paper Cheques. Oder der Vermieter bekommt seine Miete per Cheque. Sprich in Form eines Stück Papiers, mit dem man dann zu seiner Bank geht. (Unser Vermieter verlangt dies zum Glück nicht, aber er ist auch Franzose.)

Natürlich wird hier Online Banking auch immer beliebter und wir mussten bisher auch nicht mit Cheques hantieren. Allerdings scheinen viele Kanadier noch immer diesen Weg zu nutzen. Ich musste jedenfalls schon ein wenig über diese animierte Werbung der kanadischen Regierung schmunzeln, die mir vor ein paar Tagen auf Twitter begegnet ist. Das große Werbeversprechen: Wenn man sein Geld direkt überweisen lässt, kann der Scheck auch nicht mehr an eine alte Adresse geschickt werden. Wie praktisch! Dann kann auch der Hund den Scheck nicht mehr fressen.

Werbung für Direktüberweisung

2. Andererseits: Man benutzt hier kaum Bargeld

Wie hier mit Geld umgegangen wird ist in unseren Augen schon etwas ambivalent. Denn obwohl es immer noch diese Paper Cheques gibt und Bankfilialen hier noch eine viel größere Rolle spielen, wird fast ausschließlich bargeldlos bezahlt.

Ich bin sehr froh, dass wir nun auch Debit Karten haben und es überhaupt nicht ungewöhnlich ist, damit (nur) 2 Croissants beim Bäcker zu bezahlen. (Wann wird das bloß in Deutschland soweit sein?)

3. Lebensmittel sind sehr viel teurer als in Deutschland

Gut, die 2 Croissants kosten auch doppelt so viel wie in Deutschland. (Dafür schmecken sie aber auch wie aus einer anderen Welt, aber dazu ein anderes Mal mehr.) Überraschend ist es nicht, dass Lebensmittel in Kanada sehr viel teurer sind als in Deutschland. In Deutschland ist Essen im Vergleich einfach unglaublich billig. In keiner Industrienation sind die Lebensmittelpreise so niedrig wie in Deutschland (Hab ich mir nicht ausgedacht: siehe Studie von 2016).

Übrigens gibt es aber auch innerhalb Kanadas extreme Unterschiede. Die Restaurantpreise in Montréal sind kaum höher als in Hamburg. In Ottawa dagegen dachte ich, wir wären in einem feinen Gourmet-Tempel gelandet als ich die Preise auf der Karte gesehen hab — Dann kam allerdings das Essen. Unsere Begleitung hat schnell klar gemacht, dass das ganz normale Preise in Ottawa sind. Was die beiden noch nicht wussten: Das Preis-Geschmacks-Verhältnis beim Essen gewinnt ganz klar Montréal. Das würde ich nach 3 Tagen Ottawa behaupten und dieses Urteil wird einem auch ungefragt von diversen Menschen, die man so trifft bestätigt. Also wer gerne gut isst (wie wir), der sollte unbedingt einmal nach Montréal. Soweit also alles richtig gemacht.

4. Bei -15° Celsius eine halbe Stunde vor dem Restaurant auf einen Tisch warten ist nicht ungewöhnlich

Gutes Essen hat hier also einen hohen Stellenwert. Wenn in Hamburg in einem Restaurant kein Tisch frei ist, geht man eben woanders hin. Auf einen Platz draußen im Freien warten und Schlange stehen? WTF? Ich glaube, das erste Mal draußen gewartet habe ich vor einigen Jahren auf ein Platz in einem Restaurant in Barcelona (das war aber auch ein sehr guter Tipp!). Das zweite Mal dann in San Francisco (das war ein noch heißerer Tipp–wer dort die besten Pancakes und andere Frühstücksleckereien sucht, bitte einfach melden).

Der kleine aber feine Unterschied hier in Montréal: Es kann natürlich passieren, dass man die halbe Stunde bei Minus 15° Celsius draußen steht, bevor ein Platz frei wird. Wer also bei einem Montréal Besuch die angeblich beste Poutine in La Banquise probieren möchte, zieht sich im Winter besser warm an (oder kommt zu einer anderen Zeit). Poutine? Das sind Fritten mit Bratensauce und einem relativ festen Käse in unterschiedlichsten Variationen. (Und ja, die Bratensauce gibt’s auch in der Veggie-Version, juhu! Das Foto zeigt allerdings Robins Version, ich war zu hungrig zum Fotografieren…)

Chocolatine aux Pistaches

5. Die Menschen sind extrem höflich und freundlich

Apropos warten und Schlange stehen: es ist etwas sehr deutsches, in einen Bus einfach einzusteigen ohne darauf zu achten, wer vielleicht schon länger an der Bushalte steht. Hier wird Schlange gestanden. Das ist vielleicht der britische Einfluss, dass man anderen Personen Vortritt gewährt oder sich sogar entschuldigt, wenn man angerempelt wird. Zumindest in Ottawa. Hier in Montréal sieht man es nicht ganz so eng und im Verhältnis wirkt es hier geradezu ruppig auf den Straßen. Aber im Umgang und beim Smalltalk sind die Menschen sehr freundlich und vor allem sehr aufgeschlossen, was ich total angenehm finde. Wie häufig wurde uns beim Essen gehen schon vom tollen Sommer in der Stadt vorgeschwärmt? Ich weiß es nicht mehr genau. Aber hey, wann spricht man in Norddeutschland mal mit der Bedienung oder dem Restaurantbesitzer über mehr als die Menüauswahl und den Rechnungsbetrag? Eher selten, wenn man sich nicht persönlich kennt. Hier ist das ganz normal.

6. Die meisten Leute sind doch zweisprachig

Es ist auch tatsächlich kein Problem sich hier zu unterhalten, wenn man Englisch kann. Die meisten Menschen, die ich bisher getroffen habe, können problemlos zwischen Französisch und Englisch hin- und herwechseln. Es gibt natürlich Ausnahmen und eine davon war unsere Taxifahrerin vom Flughafen zur Wohnung. Wir haben es immerhin geschafft, uns über den starken Regen und unsere Herkunft auf Französisch zu unterhalten. Und wir durften ihr „Guten Tag, wie geht’s?“ beibringen.

Robin und ich haben uns nun auch beide für einen Französischkurs angemeldet. Vielleicht können wir also bald nicht nur eine Portion Poutine bestellen, sondern im besten Fall auch verstehen, was die Menschen in ihrem schnellen Québecois-Französisch alles antworten.

Wir halten euch auf dem Laufenden. Diese TIL-Liste wird sicher auch bald erweitert! (TIL? = Things I Learnt. Musste ich auch erst mal lernen…)