1 Jahr Montreal

Es ist tatsächlich schon 410 Tage her, dass wir nach Montreal gekommen sind. 375 Tage davon leben wir bereits in unserer aktuellen Wohnung. Grund genug also, einmal das Jahr Revue passieren zu lassen. Ich greife einfach das Thema meines zweiten Blog-Posts von vor einem Jahr auf: Dinge, die ich gelernt habe.

Danke an Siri für die schnelle, präzise Berechnung der Tage, die wir bereits in Kanada leben. Apples Assistentin Siri und ich waren in Deutschland allerdings keine großen Freunde. Wann immer ich sie etwas gefragt habe oder ihr eine Aufgabe gegeben habe, kam Unfug dabei heraus.

1. Siri und ich verstehen uns besser auf Englisch

Vor ein paar Monaten habe ich – viele Support-Anfragen und ein Kauf eines neuen iPhones später – das Gerät auf Englisch umgestellt. Und plötzlich versteht Siri mich! Liegt es nun an meinem norddeutschen Slang vorher oder daran, dass die Spracherkennung auf Englisch einfach besser ist? I don’t know.

Das neue iPhone habe ich mir übrigens nicht aufgrund von Kommunikationsproblemen mit Siri gekauft, sondern weil das GPS kaputt war. So wichtig wäre mir Siri dann doch nicht. Aber ich spreche mittlerweile mit meinem Telefon Englisch, was mich zum nächsten Punkt bringt.

2. Man kann auch mit über 30 noch Sprachen lernen (oder verbessern)

Hätte ich vor zwei Jahren damit gerechnet, jeden Tag bei der Arbeit Englisch zu sprechen? Eher nicht. Hätte ich vor zwei Jahren geglaubt, dass ich nochmal Französisch sprechen muss, außer vielleicht im Urlaub? Ein klares Nein! Hätte ich vor einem Jahr gedacht, dass es eine Chance gibt, dass ich das Quebec Französisch hier verstehe? Nein, siehe Blog-Post von vor einem Jahr.

Perfekt ist das Verständnis noch lange nicht, und das Sprechen sowieso nicht. Aber es ist ein tolles Gefühl mittlerweile Gespräche auf Französisch führen zu können, die über « Une baguette s’il vous plaît » hinausgehen. Die beiden Sprachen gehören ganz weit nach oben auf die Things-I-Learnt Liste. Der nächste Schritt ist dann, das iPhone auf Französisch umzustellen. Was allein auch bei der Benutzung der Karten App sehr sinnvoll wäre, weil man sich im Zweifelsfall verfährt, wenn die Englisch sprechende Siri, versucht französische Straßennamen auszusprechen.

Mein Vorteil ist, dass ich damals in der Schule bis zum Ende Französisch hatte (Leistungskurs!). Hätte ich auch nie gedacht, dass das nochmal brauchbar sein würde. Ich musste zwar viel Zeit ins Auffrischen stecken, aber es ist sicherlich einfacher, wenn man die Basis noch irgendwo im Hinterkopf hat, als eine Sprache ganz von null zu lernen. Robins Vorteil ist, dass sein Englisch immer schon fließender war als meins. Ich habe damals kein Auslandssemester in England oder sonstigem Englisch sprachigen Land zwischengeschoben. Mein einziger Work & Travel ähnlicher Lebensabschnitt waren ein knapp 3 Monatiger Aufenthalt in Island. Dort habe ich zwar auch Englisch gesprochen, aber es ist schon was anderes, wenn es um Pferde und Schafe geht als um das, was man im späteren Leben arbeitet. (Aber wer weiß, wann ich nochmal meine 10 isländischen Vokabeln einsetzen kann, die hängen geblieben sind?)

Also mein Rat an alle jungen Menschen da draußen: Geht ins Ausland für ein Semester. Oder für ein Jahr Work & Travel! Mein Rat an alle nicht mehr ganz jungen Menschen: Macht es genauso! Geht und sprecht Englisch, Spanisch, was auch immer! Und vor allem: Habt keine Angst, nicht perfekt zu sprechen. Fehler sind nicht schlimm. Ich mache ständig welche. Du hast einen deutschen Akzent? Völlig egal, du musst dich nicht schämen, wo du herkommst. Sagt die Perfektionistin, die selber ihre Hemmungen hat. Aber Perfektionismus wird überbewertet.

Und: Ihr müsst ja nicht gleich auswandern. Ein Urlaub oder ein Sabbatical Jahr reichen ja auch erstmal :-) Die Familie freut sich eh, wenn man wiederkommt.

3. Mit Unsicherheiten zu leben lernen oder: Nicht zu wissen, wann man wiederkommt

Wie definiert man denn eigentlich Auswandern und Wiederkommen?! Die Frage “Wann werdet ihr denn wiederkommen?” haben Robin und ich nun schon sehr häufig gehört. Die kurze Antwort: Wissen wir nicht.

Die etwas längere: Wissen wir wirklich nicht.

Geplant waren ursprünglich 1–2 Jahre. 2 Jahre werden es also sicherlich werden, da das erste nun schon vorbei ist. Eher werden es 3, vielleicht sogar 4. Es gibt einfach so vieles, was uns sehr gut hier gefällt. Die letzten Blog-Posts zeigen bestimmt schon ein bisschen, was uns hier gefällt. Aber selbst, wenn Instagram den Eindruck erwecken sollte: das Leben besteht hier für uns auch nicht nur aus Snowboarden, Nationalparks und Ponyhof.

Für mich fühlt es sich momentan noch wie eine Art Abenteuer auf Zeit an, weil so vieles so neu ist. Weil vieles noch unsicher ist. Vielleicht auch, weil wir hier nicht viel besitzen und sogar noch Wohnung und Auto in Hamburg haben. Auch wenn es sich manchmal noch etwas irreal anfühlt, gibt es so vieles was dafür spricht, länger hier zu bleiben. Allem voran, Robins Job, der eine riesen Chance für ihn war und ist. Und indirekt auch für mich, weil ich mich beruflich und sprachlich auch weiter entwickelt habe. Und weil wir tolle neue Leute kennengelernt haben.

Habe ich erwähnt, dass der Immobilienmarkt in Montreal noch nicht ganz so krank ist wie in Hamburg? Hier könnte man es sich vielleicht noch leisten, etwas zu erwerben. Aber soweit ist es noch nicht. Im Gegenteil, wir wohnen in einer möblierten Wohnung und nutzen Carsharing. Es kann auch sehr angenehm sein, nicht viel zu besitzen.

Auf Twitter hat mich heute folgender Tweet zum Nachdenken gebracht: “Ich habe in einem History-Forum die Frage gelesen, ob es wahr ist, das Leute vor 30/40 Jahren Häuser kaufen konnten und mehrere Kinder mit einem einzigen Einkommen versorgen konnten?” Tja, das ist wohl wirklich Geschichte an vielen Orten und bald kaum noch vorstellbar.

Nichtsdestotrotz vermissen wir natürlich unsere Freunde in Deutschland und unsere Familien! Ich verpasse gerade, meinen kleinen Neffen aufwachsen zu sehen. Immerhin gibt’s FaceTime und Skype. Ein kleiner Trost.

Robin und ich in den roten Canada Chairs

4. Das Leben ist zu kurz um es ohne Pferde zu verbringen

Das Pferde-Thema zum Schluss. Nichtinteressierte können so einfach aufhören zu lesen.

Es gibt einen guten Grund, warum ich früher nicht daran gedacht habe, länger ins Ausland zu gehen. Der Freund? Pff! Nein, das Pferd natürlich! Es hätte diese Woche ein kleines Jubiläum gegeben, wäre dieser Grund namens Freyfaxi nicht etwas zu früh von mir gegangen: Vor genau 20 Jahren ist er in mein Leben getreten und hat mich mehr als mein halbes Leben begleitet. Ich glaube, meine Eltern haben sogar mal befürchtet, ich würde mich vielleicht nicht für Jungs interessieren, so wichtig war mein Pony mir bereits als Teenager.

Ich denke noch sehr oft an ihn und schreibe nun das erste mal überhaupt davon. Es fällt mir immer noch schwer von dem Verlust zu sprechen oder zu schreiben, also denke ich meistens an die tollen Zeiten, die “Faxi” und ich miteinander hatten. Manchmal wird es einem erst im Nachhinein so richtig bewusst, was für einen tollen und einzigartigen Gefährten man da hatte. So eigenwillig Freyfaxi auch war, so unerschrocken, sanft, gelehrig, töltsicher, flauschig und zuverlässig war er doch. Eine Sache, die ich im Nachhinein gelernt habe: Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Pferd absolut nie buckelt, wenn man drauf sitzt. Sehr schmerzhaft habe ich das gelernt.

Ich habe, wie schon einmal Ende letzten Jahres erwähnt, ein ganz tolles Pferd Nähe Montreal gefunden, dass ich reiten darf. In einigen Dingen, sind sich Freyfaxi und Maximus ganz verschieden, in manchen aber auch sehr ähnlich. Er ist von Natur aus sehr selbstsicher, geht am liebsten zügig bei einer Gruppe vorne weg. Wenn es allerdings darum geht ein kleines undurchsichtiges Bächlein zu durchqueren, braucht es viel Überzeugungskraft (kommt mir sehr bekannt vor). Der Galopp ist eher schlecht, aber da sind wir auch schon bei einer großen Gemeinsamkeit: Es ist auch ein Gangpferd. D.h. es kann auch tölten, wenn auch noch lange nicht so sicher.

Denn das eigentliche Sprichwort unter den Islandpferdereitern geht eher so: Das Leben ist zu kurz für Pferde ohne Tölt.

Foto von Freyfaxi Dieses Foto von Freyfaxi und mir von vor ein paar Jahren steht bei uns im Wohnzimmer. Credits: Sophie Krüger.